„Pfarrei im Porträt“

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Sophia Plum steht Menschen als Notfallseelsorgerin bei


„Ein Engel ist jemand, den Gott dir ins Leben schickt, unerwartet und unverdient, damit er dir, wenn es ganz dunkel ist, ein paar Sterne anzündet“, heißt es in einem Sprichwort. Sophia Plum würde gewiss nicht auf die Idee kommen, sich selbst als Engel zu bezeichnen. Und doch ist sie das für viele Menschen, die sie als Notfallseelsorgerin betreut: Jemand, der ihnen in einer dunklen Stunde beisteht.


Ein- bis zweimal im Monat trägt Sophia Plum rund um die Uhr ein kleines, graues Kästchen mit sich. Sie lässt es nicht aus den Augen, von sieben bis sieben Uhr. Im Büro, zuhause, auf der Straße, im Supermarkt. Bereitschaftsdienst. Jederzeit könnte der Melder piepsen. Manchmal bleibt er 24 Stunden still. Doch wenn er piept, lässt sie alles stehen und liegen. Für ein paar Stunden wird ihr das Arbeitsleben fern vorkommen wie ein anderes Universum. Sie wird eintauchen in eine Katastrophe, die gerade über das Leben anderer hereingebrochen ist.


Sophia Plum - 30 Jahre alt, Pastoralreferentin und Diplom-Pädagogin, hat die blonden Haare zu einem lässigen Dutt hochgesteckt, sie trägt Chucks und einen grauen Schal locker um den Hals gebunden. Ihr Outfit passt zu ihrem Beruf als Dekanatsjugendreferentin der Katholischen Jugendzentrale (KJZ) in Mainz. Ihr ganzes Leben hat sie in dieser Stadt verbracht, in der sie sich ebenso wohl fühlt wie in ihrem Beruf.
Dort ist sie für die Vernetzung katholischer Jugendgruppen zuständig, organisiert und leitet Schulungen für Haupt-- und Ehrenamtliche in der Jugendarbeit. Weil sie „gut mit Menschen umgehen kann“ und sich nicht nur bis Feierabend engagieren wollte, machte sie die Ausbildung zur Notfallseelsorgerin beim Bistum Mainz.


Wenn der Melder piept, dann muss es schnell gehen. Sophia Plum meldet sich telefonisch in der Rettungsleitstelle. Die Adresse, zu der sie fahren wird, ist bereits im Display des Melders erschienen. Von der Leitstelle erhält sie einen groben Abriss an Informationen, dann macht sie sich auf den Weg. Das Einsatzgebiet umfasst denselben Radius wie ihr alltäglicher Arbeitsbereich, das Dekanat Mainz Stadt. Ein Gebiet mit rund 250.000 Einwohnern. Insgesamt 17 katholische und evangelische Notfallseelsorger sind in Plums Team, rund 50 Mal im Jahr rücken sie aus. Alle sind ehrenamtlich tätig, erstattet werden ihnen nur die Telefonkosten.


Wo das Leben ein schwarzes Chaos ist


„Herzklopfen“ hatte Sophia Plum nur bei ihren ersten Einsätzen, als sie die Polizisten und Rettungsdienste noch als Hospitantin begleitete. Heute sagt sie: „Die Arbeit macht tougher, man sieht dabei ja auch immer wieder Tote. Man wird erfahrener.“ Notfallseelsorger gehen dorthin, wo das Leben wie ein einziges schwarzes Chaos wirkt: Verkehrsunfälle, plötzlicher Kindstod, Überfälle. Situationen, in denen die Worte fehlen und in denen Leid greifbar wird.
Wie bei dem jungen Studenten, dessen Vater in einer anderen Stadt lebte und dort Suizid begangen hatte. Rund die Hälfte aller Einsätze umfasst die „Überbringung einer Todesnachricht“, wie es im NFS-Jargon heißt. Gemeinsam mit den Polizisten stand Sophia Plum wenig später vor der Haustür des jungen Mannes. „Man klingelt und weiß, dass sich für den, der da öffnet, gleich innerhalb von Sekunden alles ändert“, sagt Sophia Plum. In der Regel spricht ein Polizist die traurige Nachricht aus. Es folgen Ungläubigkeit, Schock, Verzweiflung. Wenn die Polizei gegangen ist und der Betroffene es wünscht, bleibt ein Notfallseelsorger an seiner Seite. Der junge Mann, dessen Vater sich umgebracht hatte, wollte es.
Was tut man aber mit einem Menschen, dessen Leben gerade aus den Fugen geraten ist? Mit dem anderen schweigen, den Schmerz aushalten, könne eine echte Hilfe sein. Und: Zuhören. Das emotionale Chaos muss aus vielen Betroffenen heraus. Da tut die Anwesenheit einer neutralen Person gut.


Jeder Notfallseelsorger trägt in seinem Einsatz einen Rucksack bei sich – mit Gegenständen, die sich für die Hilfe Vorort bewährt haben. In Sophia Plums Rucksack dürfen Streichhölzer nicht fehlen. Wenn sie das Gefühl hat, es könnte ihrem Gegenüber helfen, dann sagt sie: „Wollen wir eine Kerze anzünden und für den Verstorbenen beten?“ Überraschend oft ließen sich die Menschen darauf ein. Manche weigerten sich aber auch. Das ist für Plum in Ordnung so: „Wir wollen niemandem religiöse Rituale aufzwingen.“


Tempos hat sie auch stets griffbereit. Tränen fließen meist irgendwann, das schlichte Reichen eines Taschentuchs kann das Eis brechen, Vertrauen aufbauen. Ob sie auch schon einmal mit jemandem geweint hat? „Nein. Das würde nicht helfen, denn ich bin in diesem Moment der Handelnde.“ Aber danach, wenn der Einsatz vorbei war, habe sie auch schon mal geweint.

 

 

 

 

 

Unterwegs zum Einsatz mit Weste und Rucksack.


Abschalten auf dem Balkon


Irgendwann spürt Sophia Plum, dass sie gehen kann. Meistens ist das, wenn ein Angehöriger des Betroffenen kommt und seine Betreuung übernimmt. So schnell Sophia Plum in dieses Leben, diese Katastrophe hinein katapultiert wurde, so schnell ist sie auch wieder fort davon.
Dann gilt es, wieder im eigenen Leben anzukommen. Manchmal hat sie gleich im Anschluss berufliche Termine, manchmal schaltet sie „mit einer Cola und der Tageszeitung auf dem Balkon“ ab. „Je mehr ich das Gefühl habe, die Menschen sind weiter gut betreut, wenn ich gehe, desto leichter kann ich das Erlebte verarbeiten.“


Einige Fälle gehen ihr noch nach. Sie komme dann auch an ihre Grenzen, sagt sie, wenn sie zum Beispiel grüble, wie ein Unfallverursacher mit seiner Schuld leben kann. Bis in ihre Träume verfolge sie die Arbeit jedoch nie. Ihr hilft der regelmäßige Austausch mit den anderen Notfallseelsorgern aus ihrem Team.
Ob sie nach ihren Einsätzen mit sich zufrieden ist? „Nicht alle Einsätze sind gleich“, meint sie, „manchmal habe ich danach ein gutes Gefühl, manchmal auch nicht so. Meistens bleibt aber der Eindruck: Gut, dass ich da war. Und ich denke jedesmal, wie wichtig doch diese Arbeit ist.“
Wenn sie sich bei den Betroffenen verabschiedet und geht, ist die Arbeit abgeschlossen. Sie wird diese Person nie mehr treffen. Vielleicht einer der schwierigen Punkte an ihrem Ehrenamt: Sie hat einem Menschen in einer schweren Krise beigestanden und wird nicht erfahren, wie es für ihn oder sie weiterging. Damit muss sie leben. Für den anderen bleibt vielleicht die Erinnerung an den Besuch eines Engels.

 

 

Dieser Text erschien im Juni 2016 in der katholischen Wochenzeitschrift "Liboriusblatt"