„Pfarrei im Porträt“

Die neue Sonderbeilage der Mainzer Kirchenzeitung ist online. Viel Spaß beim Schmökern!

Alle reden von den Flüchtlingen und was man für sie tun müsste. Ein Team von Ehrenamtlichen der Fuldaer Innenstadtpfarrei hat diese Aufgabe einfach mal angepackt. Mit wenig Aufwand, aber viel guter Wirkung haben sie einen  festen Treffpunkt geschaffen, der Neuankömmlinge und Einheimische unkompliziert zusammenbringt.

Wer in Fulda das Sträßchen „Hinterburg“ unweit des Doms entlang spaziert, den führt der Weg zur Hausnummer 6, wo das Dompfarrzentrum untergebracht ist. Eine Treppe führt hinauf zum großen Saal, unterwegs fällt ein buntes Plakat auf: „KONTAKTpunkt für Flüchtlinge in Fulda.“ Drinnen herrscht der schlichte Charme der Siebziger: Lange Tischreihen in Eiche-rustikal, durch große Fenster fällt die Frühlingssonne auf den gemusterten Fliesenboden. Doch an jedem Donnerstag Nachmittag verwandelt sich das Pfarrzentrum für zwei Stunden in einen lebhaft-bunten Treffpunkt von Menschen aus vielen verschiedenen Ländern.

Ein Team von Ehrenamtlichen aus der Innenstadtpfarrei überlegte im Herbst 2015, was die Neuankömmlinge aus Kriegs- und Krisengebieten eigentlich brauchen – und was eine Pfarrei mit ihren Möglichkeiten für sie tun kann. „Wir haben damals gesehen, dass es viele Menschen in Fulda gibt, die sich engagieren möchten“, erklärt Monika Moser.  „Wir wollten diesen Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind mit ihrem Wunsch, zu helfen – und dass das auch ohne großen Aufwand gelingen kann.“ Moser  ist ehrenamtliche Leiterin des KONTAKTpunkts. Sie ist einer von diesen Menschen, die mit ihrer warmen, herzlichen Art so unbefangen auf andere zugehen, dass sich das Gegenüber sofort willkommen fühlt. Keine, die vor lauter Rührung über die eigene Hilfsbereitschaft in Tränen ausbricht, sondern ein Mensch, der die Ankunft von Menschen anderer Kulturen als Chance begreift. Eine Chance, das eigene Christentum konkret zu leben, dabei den eigenen Horizont zu erweitern, viele mit ins Boot zu nehmen.
Rasch entstand die Idee zum KONTAKTpunkt. Zwei Stunden in der Woche einfach da sein, reihum organisiert – so viel helfen können auch die, die sonst kaum Zeit haben. Ein festes Team von 12 Helfern hat sich inzwischen gebildet. Insgesamt leben aktuell rund 700 Flüchtlinge in den 13 Gemeinschaftsunterkünften auf dem Stadtgebiet. Die Zahl derer, die den KONTAKTpunkt besuchen, hat sich auf 15 bis 20 Menschen eingependelt. Sie kamen aus Ländern wie Eritrea, dem Irak, Afghanistan, Syrien, Pakistan und Marokko, hoffen auf eine neue Zukunft und neue Freunde in Deutschland, in Fulda. Das Ehrenamtsteam ist donnerstags immer mit mindestens drei Ansprechpartnern gleichzeitig vor Ort.

Aufschließen und da sein

„Wir schließen hier auf und sind dann einfach zwei Stunden da“, so Moser. Es gibt Getränke und Kekse und offene Ohren. Das ist im Prinzip auch schon alles. Wie wichtig solche niederschwelligen Angebote sind,  merkte Monika Moser an einem der ersten KONTAKTpunkt-Nachmittage: „Da kam ein junger Mann herein um kurz vor halb fünf, er wirkte gestresst und gehetzt.“ So viele Fragen, Probleme in diesem fremden Land. „Da habe ich gesagt: 'Jetzt trinken wir erstmal eine Tasse Kaffee!' Als wir dann zusammensaßen, wurde er gleich viel ruhiger. Mir ist da klar geworden, dass uns so etwas verbindet. Gastfreundschaft, gemeinsames Essen und Trinken – das kennen alle Menschen ja aus ihrer eigenen Kultur. Und diese vergleichsweise kleine Geste kann bewirken, dass sich jemand gut aufgehoben fühlt. So einfach ist das.“ Das Bistum wundere sich immer, dass sie nicht mehr Geld für das Projekt abrufe. „Aber wir brauchen einfach nicht mehr, um Kaffee zu kochen und da zu sein“, so Moser lachend.
Das Eis bricht, vorsichtig kommt man miteinander ins Gespräch. Wenn die Sprachbarrieren zu groß ist, dann knüpfen die Ehrenamtlichen den Kontakt auch mal über Spiele: „Memory und Uno beispielsweise versteht jeder schnell ohne viele Worte.“ Umgekehrt versucht das Team, auch ein paar Wörter in den anderen Sprachen zu lernen: „Es ist wichtig, dass wir unser Interesse zeigen.“
Wenn Monika Moser vom KONTAKTpunkt erzählt, dann spricht sie immer von den Geflüchteten, nicht von Flüchtlingen. Der letztere Begriff, meint sie, käme ihr schon so abgenutzt vor, irgendwie pauschal. Eine pauschale Sicht auf Menschen, das passt aber nun nicht zu ihr. Die gelernte Ingenieurin und Mutter zweier Kinder entschloss sich vor einigen Jahren, ihrem Beruf den Rücken zu kehren. Sie ist nun bei der Benediktinerinnenabtei Fulda angestellt, hilft den Schwestern bei ihrer täglichen Arbeit im Büro und im Garten. Eine Tätigkeit, bei der ihr genug Zeit bleibt für ihr ehrenamtliches Engagement.


Inzwischen bringen einige Teilnehmer ihre Hausaufgaben vom Sprachunterricht mit, gemeinsam mit Mosers Team büffeln sie die deutsche Grammatik. Ganz wichtig sind der Leiterin zwei Regeln im KONTAKTpunkt: „Wir erwarten nicht von den Menschen, dass sie die religiösen Angebote unserer Pfarrei wahrnehmen.“ Wenn jemand komme, dann sei das schön. Doch es sei niemals Bedingung für etwas. Der zweite Punkt, der ihr wichtig ist: „Wir äußern uns nicht zu laufenden Asylverfahren oder versuchen, zu beraten. Schließlich sind wir keine Experten“, sagt sie mit Nachdruck. „Besser ist es doch, wenn wir die Menschen in der Praxis des Deutschsprechens unterstützen.“

Nach zwei Stunden angeregter Unterhaltung, viel Gelächter und guter Stimmung gehen alle wieder nach Hause. „Sehen Sie, vor zwei Jahren nicht mal genau gewusst, wo Eritrea auf der Landkarte liegt – und bei meinem letzten Geburtstag hatte ich Gäste von dort.“ Der KONTAKTpunkt, so Moser, habe ihr Leben verändert. „Je länger wir das machen, desto mehr spüren wir: Wer am meisten von diesem Angebot profitiert, sind wir als Gemeinde.“


Zur Sache

Neue Heimat für den Glauben

Die Innenstadtpfarrei will es den Flüchtlinge ermöglichen, auch ihre eigene religiöse Heimat in Fulda zu finden. So stellt sie etwa einer Gruppe von eritreisch-orthodoxen Christen jeden Sonntag die Joseph-Kirche für das gemeinsame Gebet zur Verfügung, Anfang Januar feierten sie dort auch das orthodoxe Weihnachtsfest. „Es war sehr bewegend für sie, denn sie haben nach langer Zeit hier endlich wieder mit ihrer Ikonostase dieses Hochfest begangen“, berichtet Monika Moser.

 

 

Dieser Text erschien am 26. März 2016 in der Sonderbeilage "Pfarrei im Porträt" der Fuldaer Kirchenzeitung "Bonifatiusbote". Das gesamte Heft lesen Sie unter www.kirchenzeitung.de