„Pfarrei im Porträt“

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Über 100 Jahre ist Bad Orb bereits Kurstadt. Früher kamen die Kurgäste, um die Heilkraft der Solbäder zu nutzen. Heute heißt eine Kur meistens „Reha“, doch das ändert nichts daran, dass während einer Zeit der körperlichen Erholung auch die Seele neue Kraft tanken muss. Damit das gelingen kann, steht das Team der Kurseelsorger den Patienten zur Seite.

Mitten im Leben stand einer gerade noch, der Körper funktionierte selbstverständlich. Dann: Schlaganfall – von einer Sekunde auf die andere ist nichts mehr, wie es war. Nur mühsam lernt man wieder das Greifen, Laufen, Sprechen. Ein Zurücktasten in einen Alltag, der so ganz anders ist. Viele Menschen kommen nach Bad Orb in die Kurklinik MediClin, um dies dort zu lernen. „Einen Schlaganfall erleiden mitnichten nur alte Menschen, wir haben hier auch sehr viele junge Patienten“, räumt Julia Mikuda gleich mit einem Klischee auf. Sie ist angehende Pastoralreferentin und arbeitet innerhalb ihrer Ausbildung für ein Jahr an der Seite von Pastoralreferent und Diakon Konrad Kammandel, dem katholischen Klinikseelsorger in der Kurseelsorge. Sie bilden ein Team mit Dr. Elke Seifert, der evangelischen Kollegin.
Sich plötzlich nicht mehr auf Arme und Beine verlassen zu können, das ist in jedem Alter ein schweres Schicksal. Weil nicht nur der Körper, sondern auch die Seele damit umgehen lernen muss, sind die Klinikseelsorger als Ansprechpartner vor Ort.

Schnell bricht das Eis

Dafür machen Kammandel und sein Team „kursorische Besuche“ auf den Stationen der MediClin und der anderen beiden großen Kurkliniken der Stadt (siehe Kasten). Wie auch in der klassischen Krankenhausseelsorge ist ihr Gesprächsangebot eine Handreichung, niemals wollen sie sich den Patienten aufdrängen. „Wir haben zum Glück ein sehr gutes Verhältnis zum medizinischen Personal“, erklärt Konrad Kammandel. So erfahren sie nicht selten von den Ärzten und Pflegekräften, in welchem Zimmer sie einmal vorbeischauen sollten. Eher selten komme eine Anfrage von den Patienten selbst.
„Und dann ist das immer ein spannender Moment, wenn man ein Zimmer betritt und sich vorstellt“, sagt Julia Mikuda, „denn von diesem Moment an entscheidet der Patient, wie es weitergeht.“ Meistens bricht das Eis schnell: „Ablehnung begegnet uns in weniger als einem Prozent der Fälle“, so Kammandel. Denn viele Patienten würden in der Zeit der Reha spüren, dass es in ihrem Leben nun nicht nur darum geht, mit einer Krankheit umzugehen, sondern auch damit, was diese Krankheit für ihr weiteres Leben bedeutet. Darüber mit einer außenstehenden, neutralen Person zu sprechen, könne sehr hilfreich sein. Manchmal werde ein Gespräch leichter, wenn sie  den Patienten dafür mit dem Rollstuhl mit in den angrenzenden Kurpark nehme, sagt Julia Mikuda. Einfach mal raus aus dem Zimmer, die Natur genießen und dabei ins Plaudern kommen.

„Wir sehen bei unserer Arbeit täglich, wie eng Leib und Seele zusammenhängen“, sagt der Klinikseelsorger  und erinnert sich an eine Patientin, die unter der chronischen Darmerkrankung Morbus Crohn litt. In der Reha stellte sich heraus, dass die Ursache dafür ein lange verdrängtes Trauma war. Mithilfe der Mediziner und Seelsorger konnte die Frau das Trauma verarbeiten und wurde so auch körperlich gesund.
Zweimal wöchentlich nehmen die beiden das Mittagessen gemeinsam mit den MediClin-Ärzten ein, „So bleiben wir im Kontakt und sehen, wo wir gebraucht werden“, sagt Kammandel. Die Ärzteschaft begreife diese Treffen ihrerseits auch als Gewinn: „Bei den Medizinern ist das ganzheitliche Verständnis in den vergangenen Jahren ja auch mehr und mehr gewachsen.“ Das habe auch dazu geführt, dass die Seelsorge einen größeren Stellenwert im Klinikalltag bekam. „Aber“, warnt er, „wir Klinikseelsorger dürfen von uns selbst auch nicht die Vision haben, Heiler zu sein. Wir können den Menschen nur Angebote machen und hoffen, dass diese ihnen guttun. Jesus hat sagt: 'Was willst du, was soll ich dir tun?'“ Für Kammandel bedeutet das: Den Patienten da abholen, wo er steht, seinen Bedürfnissen sensibel begegnen. Ein Patentrezept gibt es nicht.

Dichte Form der Seelsorge

Konrad Kammandel war über 20 Jahre als Pastoralreferent in Pfarrgemeinden tätig, bevor er 2008 Kurseelsorger wurde. Vor drei Jahren kam außerdem die Tätigkeit in der Krankenhausseelsorge im benachbarten Gelnhausen hinzu. Er empfindet seine Aufgabe als sehr erfüllend: „Solch eine dichte Form der Seelsorge hat man in den Gemeinden nicht“, sagt er. Auch, wenn es bei den Zimmerbesuchen der Patienten eher um das persönliche Gespräch geht und nur selten die Frage nach einem gemeinsamen Gebet gestellt wird, so beobachten der Seelsorger und sein Team jedoch ein großes Interesse an ihren weiteren religiösen Angeboten. Montags leiten sie Wortgottesfeiern in allen Einrichtungen, die im Wechsel katholisch oder evangelisch sind. Neben wöchentlichen Messen, zu denen zu Kammandels Freude auch immer einige Mitglieder der Bad Orber Pfarrei anwesend sind, können die Patienten auch jahreszeitliche Impulse besuchen.
„Letzlich“, sagt der Seelsorger, machen wir hier nichts anderes, als es in der Emmausgeschichte so wunderschön beschrieben ist: Wir bieten den Menschen hier an, ein Stück ihres Weges mit ihnen zu gehen. Und dann heißt es am Ende der biblischen Szene: 'Und brannte nicht unser Herz?'“ Das will Konrad Kammandel keineswegs als religiöse Erleuchtung verstanden wissen. Wenn er jemand Vertrauen in Gott mitgeben könne, dann sei das gut. Aber an erster Stelle stehe ganz schlicht das Dasein, das Mit-Aushalten. „Manche Patienten bleiben viele Monate hier, das macht unsere Seelsorge so intensiv“, sagt seine junge Kollegin Mikuda, die sich durch ihre Ausbildungsstation in der Kurseelsorge gut auf ihr späteres Arbeitsleben vorbereitet sieht.


Freude über Fortschritte teilen

Und wenn sie das Gefühl haben, einmal nichts ausrichten zu können? „Das müssen wir aushalten“, sagt Julia Mikuda. „Manchmal muss man sich eingestehen, dass man keine Ahnung hat, wie man demjenigen jetzt helfen kann und es so stehen lassen.“ Doch das komme selten vor. Denn viele Patienten entwickelten in der Reha trotz ihrer Leiden positive Energie und Kampfgeist. Wie der Motorradfahrer, der bei einem Unfall seinen Fuß verlor und dessen linker Arm zertrümmert wurde. „Es war faszinierend, wie viel Lebensmut er hatte und was für eine positive Ausstrahlung“, erinnert sich die Seelsorgerin. „Man kann hier unglaubliche Geschenke bekommen. Mitzuerleben, wie sich jemand zunächst kaum bewegen konnte und und am Ende wieder laufen kann, zum Beispiel. Da nehme ich auch etwas für mich mit.“ Die Arbeit zeige ihr, dass „Leben an sich etwas brüchiges ist“, und werfe die Frage auf: „Was ist wirklich wichtig im Leben?“
Wenn die drei Seelsorger so das Leid und die Freude ihrer Patienten teilen, dann ist ihre Arbeit keine Einbahnstraße, oder, wie Konrad Kammandel es ausdrückt: „Bei aller Schwere der Tätigkeit fühlen wir uns doch reich beschenkt.“

 

 

 

Zur Sache

Bad Orb – eine Kurstadt, die ab dem 19. Jahrhundert Menschen aus dem ganzen Land mit ihrem Solebädern angezogen hat. Schon 1884 die Kinderheilanstalt Spessartklinik gegründet – heute ist sie eine Spezialklinik für vor allem junge Patienten mit Stoffwechselerkrankungen, Adipositas und Diabetes.
Der Leiter der Kaltwasseranstalt Küppelsmühle, Heinrich Freund, war der erste Anbieter deutschlandweit, der einen sogenannten „Gesundheitsversorgungsvertrag“ mit einer Krankenkasse, nämlich der AOK, abschloss. Heute erholen sich dort Rehapatienten von Herzinfarkten und Herz-Operationen.
Das MediClin Rehazentrum betreut aus Rehazentrum mit neurologisch-orthopädischem Schwerpunkt Patienten nach Schlaganfällen und mit Gelenkprothesen.

 

 

 

Dieser Text erschien am 11. Juni 2017 im Pfarreienporträt zur Pfarrei Bad Orb in der Fuldaer Kirchenzeitung "Bonifatiusbote". Mehr Texte aus dieser Ausgabe sowie alle weiteren Pfarreienporträts lesen Sie unter www.kirchenzeitung.de