„Pfarrei im Porträt“

Die neue Sonderbeilage der Mainzer Kirchenzeitung ist online. Viel Spaß beim Schmökern!

Alt werden - das kann Einsamkeit bedeuten. Nicht so in Nieder-Olm, Zornheim und Sörgenloch. Denn die Pfarreien haben dort schon lange ein Netzwerk von Besuchsdiensten für ihre Senioren entwickelt. Es zeigt, wie Kirche „auf zwei Beinen“ zu den Menschen kommt.  Und wie das Ehrenamt die Kirche im Ort verwurzelt.

Wenn Monika Bauer durch Zornheim geht, dann kennt sie wohl in jeder Straße mindestens einen Bewohner. In vielen Häusern geht sie ein und aus, ist ein gern gesehener Gast. Häufig kennt sie die Geschichten der Menschen, die dort leben – Freud und Leid, Schicksale. Die einen hat sie in schweren Stunden begleitet, anderen in Einsamkeit Gesellschaft geleistet, wieder anderen viele Stunden zugehört. Oft kommt sie als Gratulantin ins Haus, wenn ein Geburtstag gefeiert wird, dann wieder bringt sie Krankenkommunion.

In Zeiten von E-Mail und What's App, von der Gleichzeitigkeit so vieler Kommunikationsmittel und erschreckend sozialer Kälte tut Monika Bauer etwas, das fast aus der Mode gekommen scheint: sie geht zu Fuß durch die Straßen ihres Dorfes und besucht Menschen. Sie schenkt ihnen etwas, das so knapp geworden ist bei den einen und so schmerzlich langsam verrinnt bei den anderen: Sie schenkt Zeit.

Monika Bauer ist eine zierliche, agile Frau. Ihre 71 Jahre merkt man der fünffachen Mutter und achtfachen Großmutter nicht an. Dabei ist das Leben nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Sie weiß, was Alter, Krankheit und Tod bedeuten. Eine Tante, ihre Mutter und ihre Schwiegermutter hat sie bei sich zuhause gepflegt. Vor 20 Jahren verstarb Monika Bauers Ehemann nach kurzer, schwerer Krankheit, da war ihre jüngste Tochter gerade 15 Jahre alt. Der Tod ihres Mannes ist ein Schmerz, den Monika Bauer ihr ganzes Leben nicht mehr loslassen wird, doch er hat sie nicht auf sich selbst zurückgeworfen. Heute sagt sie: „Ich denke, es macht mich glaubwürdiger bei denen, die ich besuche, dass ich auch schon viel erlebt habe.“ Ihre Erfahrungen, sagt sie, hätten sie in ihrem persönlichen Glauben wachsen lassen.

An diesem Nachmittag ist sie mit Martha Ferber verabredet. Die 91-jährige Dame lebt seit einem halben Jahr bei Sohn und Schwiegertochter in Zornheim. Nachdem sie in ihrem eigenen Haus in Gau-Bickelheim schwer gestürzt war, wollte sie nicht mehr allein leben. Umzug und Neuanfang nach 64 Jahren im Eigenheim – das war relativ leicht für Martha Ferber, weil sie bei geliebten Menschen einzog. Doch außer der Familie ihres Sohnes kannte sie niemanden in Zornheim. Die vielen sozialen Bande, die sie in Gau-Bickelheim über Jahrzehnte geknüpft hatte, gab es dort nicht. Auch darum sind die Besuche von Monika Bauer „ein Segen“ für Martha Ferber, denn der Besuchsdienst ist ihre Verbindung zu ihrem neuen Heimatort.


Frucht der Ökumene: der Besuchsdienst


1978 wurde der Caritas-Diakonie-Kreis in Zornheim gegründet. Eine gemeinsame Initiative der katholischen und evangelischen Christen des Ortes, um etwas für sozial benachteiligte im Ort zu tun. Bis heute unterstützt der Kreis mit den Mitteln der Caritas-Wintersammlung bedürftige Menschen vor Ort. Doch man wollte nicht nur finanziell helfen. So entwickelte sich der Besuchsdienst, dem heute 15 Frauen und ein Mann angehören, Monika Bauer seit 2003.

 

 

 

...."Und kommen Sie bald wieder!" Martha Ferber(links) freut sich schon auf den nächsten Besuch von Monika Bauer.

 

 

 


Wenn sie bei Martha Ferber zu Besuch ist, dann sitzen die beiden gern bei einer Tasse Tee auf dem braunen Biedermeier-Sofa im Wohnzimmer der Familie. Monika Bauer berichtet von Neuigkeiten aus Zornheim und Martha Ferber erzählt von früher, von ihrer alten Heimat. Martha Ferber hat selbst viele Jahre alte Angehörige gepflegt und auch sie ist schon lange Witwe. Die beiden Frauen mögen 20 Lebensjahre trennen, auf einer Wellenlänge sind sie allemal. Gerne diskutieren sie auch über Neuigkeiten aus Bistum und Weltkirche, über Politik und Gesellschaft.
Alle drei Wochen bringt Monika Bauer der Seniorin die Krankenkommunion. Dazu treffen sie sich mit fünf weiteren Senioren im Nachbarhaus der Ferbers, Monika Bauer hat dann einen kleinen Gottesdienst vorbereitet. „Das ist eine schöne Tischgemeinschaft. Anschließend sitzen wir noch zusammen und erzählen“, berichtet Bauer, die in der Pfarrei auch als Kommunionhelferin und Lektorin aktiv ist.


Gratulation als Türöffner


160 Menschen stehen auf der Liste des Besuchsdienstes. Es sind Bewohner Zornheims, die ihr 80. Lebensjahr vollendet haben – ab diesem Alter kommt der Besuchsdienst zur Gratulation vorbei. Nicht etwa nur zu runden Geburtstagen, sondern jedes Jahr. Auch vor Weihnachten schauen sie vorbei. Die Pfarrei stellt dem Besuchskreis regelmäßig aktualisierte Listen zur Verfügung, sodass die Mitglieder immer auf dem neuesten Stand sind. Zehn bis elf Personen betreut jeder aus dem Kreis. Oft, sagt Monika Bauer, ergibt sich daraus der Kontakt für weitere Besuche. Der Gratulation ist ein Türöffner, zeigt ihr, ob derjenige sich mehr Gesellschaft und Ansprache wünscht.
Darüber hinaus besucht Bauer außerdem sechs schwerkranke Menschen in der Gemeinde. Das sei ein persönliches Angebot von ihr, sagt sie, „ich möchte diesen Menschen, ihren Angehörigen oder auch Trauernden unkonventionelle Hilfe anbieten.“ Es sind stille Besuche, bei denen oft allein das Dasein zählt. „Ich rede dabei nicht viel, ich höre den Menschen lieber zu. Oder ich schweige mit ihnen.“

Egal, ob schweigend oder bei einem guten Gespräch wie bei Martha Ferber – wenn Monika Bauer als Besucherin ihrer Gemeinde unterwegs ist, fühlt sie sich selbst beschenkt und bereichert. In ihrem Ehrenamt schenkt sie „nur“ Zeit und ein offenes Ohr – und macht damit jemanden so richtig glücklich. „Monika Bauer ist einfach wunderbar“, sagt Martha Ferber strahlend. „Wissen Sie, es war nicht leicht, meine alte Heimat aufzugeben nach so vielen Jahren. Aber hier habe ich eine zweite Heimat gefunden – auch dank ihr.“

 

 

 

 



Zur Sache

300 mal Klingeln in Nieder-Olm

Wie viele Jahre sie genau beim ökumenischen Besuchsdienst in Sörgenloch aktiv ist, das weiß Maria Sieben (81) vom Leitungsteam nicht zu sagen. Es sind aber eher schon Jahrzehnte als Jahre. Rund 70 Personen aus dem Ort besuchen sie und ihr ökumenisches Team aus fünf weiteren Frauen. Wie auch in Nieder-Olm und Zornheim gibt es einen Geburtstagsbesuch für jedes Gemeindemitglied ab 80 Jahren. Andere ältere Menschen im örtlichen Azurit-Seniorenheim besuchen sie regelmäßig, um ihnen ein wenig Gesellschaft zu leisten. „Und wissen Sie, was das Schönste ist?“, fragt Maria Sieben strahlend, „wenn ich Geburtstag habe, kriege ich inzwischen auch sehr viel Besuch! Dann kommen alle zu mir!“
In Nieder-Olm hat der Besuchsdienst mit rund 300 Personen das größte Pensum. Leiterin Martha Schwab und 16 weitere Frauen leisten den Besuchsdienst zu den Geburtstagen und im Advent. „Viele freuen sich schon den ganzen Herbst darauf, dass wir vor Weihnachten vorbei kommen“, erzählt die 69-Jährige. Vor 20 Jahren hat sie mal als Kassenwartin im Caritas-Besuchskreis angefangen, heute managt sie die Organisation in Kooperation mit Gemeindereferentin Eva-Maria Sonntag. „Ich wohne jetzt schon 47 Jahre in Nieder-Olm, aber durch den Besuchsdienst habe ich noch so viele neue Menschen kennengelernt, das ist wunderbar. Außerdem sind wir ein richtig gutes Team im Besuchsdienst“, so Schwab. Jede der Frauen übernimmt pro Jahr bis zu 25 Gratulationen.
Ein weiterer Kreis von acht Helfern um Eugenie Stärk-Sell besucht in Nieder-Olm Menschen aus der Pfarrei, die alt, einsam oder krank sind. Regelmäßig schaut die 59-Jährige bei einer alten Dame aus Nieder-Olm vorbei, die inzwischen im Seniorenheim in Essenheim lebt. Als Stärk-Sall vor drei Jahren in ihren Heimatort Nieder-Olm zurückzog, wollte sie sich gern sozial engagieren. Beim Besuchsdienst fühlt sie sich am richtigen Platz, hat inzwischen sogar eine Ausbildung zur Demenzbegleiterin absolviert und tritt als Demenzclown auf. „Ich bin in Nieder-Olm so herzlich aufgenommen worden, mit meinem Engagement kann ich etwas zurückgeben.“

 

Dieser Artikel erschien am 9. Oktober 2016 in der Sonderbeilage "Pfarrei im Porträt" der Mainzer Kirchenzeitung "Glaube und Leben".

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