„Pfarrei im Porträt“

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Nach dem Tod bleibt der Körper, nach dem christlichen Glauben die Wohnstatt der Seele, von uns übrig. Wenn es darum geht, wie die eigenen sterblichen Überreste bestattet werden sollen, entscheiden sich immer mehr für eine Einäscherung. Warum ist das so und wie verläuft der Weg vom Tod zur Urne? Ein Besuch im Krematorium am Wiesbadener Südfriedhof.

„Krematorium Wiesbaden“ steht auf dem unscheinbaren Schild am Eingang. Gleich neben dem parkähnlich angelegten Südfriedhof liegt das Gebäude, das ein wenig an einen Bunker erinnert. Auf dem kleinen Parkplatz steht der Transporter eines Bestatters, der Fahrer des Wagens raucht am Eingang eine Zigarette. Gerade hat er einen Leichnam angeliefert, wartet auf die Überprüfung der Papiere.
Rechts geht es weiter in eine weitere Halle, in der eine Reihe Särge stehen. Eine Warteschleife für die beiden Öfen. Schlichte Exemplare, Fichte geleimt. Viele Menschen, die sich einäschern lassen, so wird Krematoriums-Mitarbeiter Patrick Müller* später erklären, wollen nur einen einfachen Sarg – da er ja ohnehin mit verbrannt wird. Das teure Modell aus Eichenholz komme zwar auch vor, aber seltener.
Müller, Mitte 30, gelernter Installateur, arbeitet seit zehn Jahren im Wiesbadener Krematorium. Früher wurde das Haus von der Stadt betrieben, doch die hatte über die Jahre nicht genug in die Umweltverträglichkeit investiert, zu hohe Emissionswerte und die vorläufige Schließung des Krematoriums waren die Folge. Die Stadt wandte sich an die Bestatter vor Ort – auf der Suche nach einem privaten Leiter. Die Bestatter Wilhelm Vogler und Valentin Burkl taten sich schließlich zusammen, seit 2007 betreiben sie neben ihrem Bestattungshaus das Krematorium. Drei Angestellte kümmern sich dort seither um die Einäscherung, es sind rund 15 pro Tag, manchmal auch bis zu 20.

Tote behutsam entkleiden

Müllers Morgen beginnt stets mit der Leichenschau, zu der ein Amtsarzt kommt. Er begutachtet jene Tote, die am Vortag von den Bestattern gebracht wurden. Dafür müssen Patrick Müller und seine Kollegen die Särge öffnen und die Leichen entkleiden. Ist das der schwierigste Bereich an seinem Beruf? Müller blickt nachdenklich. „Nein, es gehört einfach dazu.“ Natürlich rieche es manchmal unangenehm, wenn man einen Sarg öffne. „Aber man entwickelt da seine Techniken, durch den Mund atmen zum Beispiel“, erklärt er. Manche Tote tragen nur ein Sterbehemd, viele sind von den Angehörigen oder dem Bestatter für den letzten Weg festlich angezogen worden, mit einem Anzug oder einem Kleid. Patrick Müller hat gelernt, die Kleidungsstücke behutsam, aber mit schnell Griffen zu entfernen. Dann kann der Arzt überprüfen, ob die Todesursache auf dem Totenschein korrekt ist oder ob Anzeichen für Fremdeinwirkung vorliegen. Die Untersuchung dauert fünf, vielleicht zehn Minuten. Dann sind Müller und seine Kollegen angehalten, den Toten wieder genau so anzuziehen, wie sie ihn vorgefunden haben.
„In 99 Prozent der Fälle kann der Amtsarzt die Todesursache bestätigen“, so Müller. Wenn nicht, kommt die Kripo vorbei, übergibt den Fall an die Staatsanwaltschaft. Wer sichergehen will, dass er nicht durch einen unentdeckten Mord zu Tode gekommen ist, sollte sich also vielleicht einäschern lassen. Denn nur dann wird der Leichnam schließlich zweimal überprüft.

Rund 160 Krematorien gibt es in Deutschland, Tendenz steigend. In den vergangenen 20 Jahren sind die Feuerbestattungen um fast 20 Prozent auf 60 Prozent angestiegen. Für Alexander Helbach von Aeternitas e.V., eine Verbraucherinitiative für Bestattungskultur, bildet das einen gesellschaftlichen Trend ab: „Genauso wie andere Traditionen unwichtiger werden, nimmt die Bedeutung des traditionellen Begräbnisses ab“, sagt er. Auch die Kosten spielten eine Rolle: „Natürlich ist eine Kremation ein Kostenpunkt, der bei einer Erdbestattung nicht anfällt. Aber auf die Jahre gerechnet ist das Urnengrab durch die niedrigere Friedhofsgebühr deutlich günstiger.“ Zuletzt sei auch die zunehmende Mobilität ein Faktor. Oft wohnen Familien heute weit auseinander, wer soll sich da um ein Grab kümmern? Laut Helbach ist die Einäscherung auch in anderen Ländern auf dem Vormarsch.

70 Minuten

Auf einem Computerbildschirm kann Müller die Einstellung der beiden Kremationsöfen überwachen. „Kremation läuft“ steht auf einer Schaltfläche und daneben die Temperaturangabe: 700 Grad Celsius. Etwa 70 Minuten dauert es, bis ein Mensch verbrannt ist.
Auf der Rückseite des Ofens öffnet er ein verglastes Guckloch, durch das er die Verbrennung überprüfen kann. Für den Laien bietet sich das Bild eines lodernden Lagerfeuers, der Anblick hat nichts Schreckliches oder Gruseliges an sich. Im Krematorium riecht es auch nach nichts. Weder bei den Öfen, noch im Kühlraum für die Särge. Wer nicht wüsste, dass hier verstorbene Menschen verbrannt werden, würde es auf den ersten Blick nicht merken. Das ganze Gebäude ist auf den technischen Prozess ausgelegt, für den es errichtet wurde. Müller sagt, er würde sich selbst auch einäschern lassen, wenn es einmal soweit sei. „Für mich ist es die reinere Art der Bestattung. Bei der Erdbestattung weiß man ja nicht, wie man aussieht, wenn man mal umgebettet werden muss.“ Seine eigene Großmutter ist im Wiesbadener Krematorium eingeäschert worden. Weil ihr Enkel ihr genau erklären konnte, wie das abläuft, hatte sie keine Angst davor. Zwar übernahmen dann Müllers Kollegen die Betreuung und Verbrennung „aber ich war vor Ort und konnte auf diesem letzten Weg irgendwie bei ihr sein“, sagt er.
Über eine Treppe gelangen wir in das Kellergeschoss. An der Wand stehen Tonnen, in denen alles gesammelt wird, was mit verbrannt wurde, aber nicht zum Körper des Eingeäscherten gehört. Die Verschlüsse der Särge etwa. Oder Prothesen. Das alles muss aus der Asche gesammelt werden, da diese später vor dem Einfüllen in die Urne gemahlen wird. Müller fischt aus einer Tonne einen Metallgegenstand, der wie ein kleiner, mittelalterlicher Speer aussieht. „Das ist ein künstliches Hüftgelenk. Man bekommt bei unserer Arbeit Respekt vor dem, was Ärzte leisten.“ Die Handvoll Metallgegenstände erzählt von Eingriffen, die Leben leichter gemacht haben.

Was übrig bleibt

Inzwischen ist die Kremation in Ofen 1 abgeschlossen. Die Särge kommen beim Einfahren automatisch auf großen Schamottstein-Schienen zum Stehen, beim Verbrennen fällt alles in einen zweiten Ofenteil, der nochmal mit 600 Grad weiterbrennt. Was übrig bleibt, kühlt eine Stunde ab und fällt dann in eine Schublade, die Müller jetzt mit Handschuhen aus dem Ofen zieht.
„Sehen Sie, das bleibt von einem Menschen übrig, wenn er verbrannt wird“, sagt Müller. Bei aller professionellen Distanz spürt man auch nach zehn Jahren noch die Ehrfurcht in seiner Stimme, die er jedem Toten hier entgegenbringt. Von diesem Menschen ist nichts mehr zu erkennen außer ein paar Knochenstücken, die, porös vom Feuer, bei Berührung zerfallen.
Mit einer kleinen Harke fährt Müller vorsichtig durch die Asche, um die Metallgegenstände herauszuholen.  Gold von Schmuck oder Zähnen kann übrigens nicht mehr gefunden werden, bei 700 Grad zerschmilzt das Gold in kleinste Partikel. Wenn die Asche gemahlen ist, füllen die Mitarbeiter sie in eine Urne aus Hartplastik. Mit in der Asche liegt ein Schamottstein mit einer Nummer, sodass die Asche auch in vielen Jahren noch identifiziert werden kann. So holt der Bestatter die Urne wieder ab. Häufig wird das schlichte Behältnis dann noch in eine schönere Urne hineingestellt, „oder die Angehörigen bringen selbst eine andere Urne vorbei, die wir benutzen.“
Mit dem Befüllen der Urne ist Müllers Dienst an dem Verstorbenen abgeschlossen. Nun folgt noch der allerletzte Weg – zum Friedhof. Rund 3500 Einäscherungen pro Jahr begleitet der Krematoriumsmitarbeiter. Ein trauriger Job? „Nein“, sagt Patrick Müller, „es ist einfach mein Beruf. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich denke nicht so viel darüber nach.“ In den meisten Fällen sei die Einäscherung schließlich der Wunsch der Verstorbenen gewesen. Er handelt also nach ihrem Willen – und erweist ihnen einen letzten Dienst.

 


*Name geändert

 

 

Dieser Artikel erschien am 6. August 2017 in der Kirchenzeitung "Liboriusblatt".

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