„Pfarrei im Porträt“

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Interview mit dem Soziologen Wilhelm Gräb zur Religiosität 2014


Die Statistiken der Deutschen Bischofskonferenz sprechen eine nüchterne Sprache: Tendenz in allen Bereichen sinkend. Doch wie steht es um den Glauben 2014 wirklich? Diese Frage beantwortet Professor Wilhelm Gräb vom Institut für Religionssoziologie an der Berliner Humboldt-Universität.

Tausende Menschen in Deutschland kehren jährlich der Kirche den Rücken. Andererseits gibt es weiterhin Wiedereintritte, Erwachsenen-Taufen und die große Masse derer, die sagen: Ich glaube und bleibe in der Kirche, auch wenn ich ihr kritisch gegenüberstehe. Brauchen Menschen ein religiöses Element in ihrem Leben?

Davon bin ich zutiefst überzeugt. Der Glaube erwächst aus Erfahrungen, bei denen wir an unsere Grenzen stoßen. Solche macht jeder Mensch – im Grunde schon mit dem ersten Augenaufschlag. Wir werden uns schon da bewusst, dass wir so vieles nicht aus uns selbst schaffen können. Das Grenzerleben zeigt uns aber auch, dass wir getragen sind. Sie machen uns aufmerksam auf eine Lebensenergie, die sich im Glauben manifestieren kann. Dieser muss noch nicht unbedingt religiös sein, kann aber ein Ansatzpunkt dafür werden.

Sie haben einige Jahre als Studentenpfarrer in Göttingen gearbeitet. Gerade junge Menschen gelten als kritisch gegenüber der Kirche, aber auch als Suchende, was religiöse Fragen angeht. Wie haben Sie die Glaubensmotivation der Studierenden erlebt?

Die sogenannten Glaubensfragen sind im Grunde Lebenssinnfragen. Bei vielen jungen Menschen ist eine Beunruhigung spürbar, angesichts der Probleme mit unserer Umwelt, mit der ungerechten Verteilung des Reichtums auf unserem Globus oder gerade jetzt angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen, wo auch der Religion teils auf schreckliche Weise Ausdruck verliehen wird. Die Kritik und Sorge führen irgendwann doch auf die Rolle des Glaubens im eigenen Leben zurück – auf die existenzielle Frage nach Gott. Diese ist nicht mehr motiviert durch kirchliche Dogmen oder biblische Lehren – das ist eher das, was man als die „Theologenreligion“ bezeichnen würde. Es sind vielmehr Glückserfahrungen im Positiven und existenzielle Sinnkrisen, die den Glauben erweitern.

Früher haben die Menschen sich im Glauben mehr an dem orientiert, was Sie „Theologenreligion“ nennen, im Jahr 2014 sieht das anders aus. Welche Entwicklung hat da stattgefunden?


Wie in anderen Lebensbereichen auch sind junge Menschen in der Religion  sehr stark auf Selbständigkeit, auf ihre eigene Entscheidung, auf Subjektivität bedacht. Wir leben nicht mehr das traditionelle gesellschaftliche Leben, im Gegenteil, wir basieren unser Denken und Handeln sehr viel stärker auf dem eigenen Meinen, dem eigenen Urteil. Auch Authentizität spielt eine wichtige Rolle: Man möchte Dinge heute selbst erleben und persönlich äußern, anstatt offiziellen Standards zu folgen. Das gilt verstärkt in religiösen Angelegenheiten.

Zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils etwa war man noch um die Anpassung kirchlicher Lehren und Verhaltensregeln an die Wirklichkeit des Lebens bemüht. Inzwischen fragen die Menschen gar nicht mehr nach dem, was in der Kirche gilt. Gerade in Glaubensdingen geht jede und jeder seinen und ihren eigenen Weg. Das gilt auch für die Fragen der Moral. Heute orientiert sich zum Beispiel in der westlichen Welt niemand mehr daran, was der Papst zur Empfängnisverhütung sagt. Der Autoritätsvorschuss der Kirchen auf normative Richtlinien und objektive Wahrheit, existiert nicht mehr. Der neue Papst trägt dem auf überraschende Weise selbst Rechnung: Er schafft die Dogmen zwar nicht ab, gibt den Menschen aber zu verstehen, dass sie ihre persönliche Objektivität über sie stellen können. Er entwickelt einen neuen Stil kirchlicher Leitung und macht genau das, was junge Leute selbst schon tun – wenn er etwa sagt: „Wer bin ich, über einem Homosexuellen den Stab zu brechen?“

In der neuropsychologischen Forschung macht immer mal wieder die angebliche Entdeckung eines sogenannten Religionszentrums im menschlichen Gehirn Schlagzeilen,  das etwa beim Beten aktiviert ist. Daraus könnte man schlussfolgern, dass Religiosität quasi genetisch im Mensch angelegt ist. Halten Sie das für möglich?

Ich glaube nicht, dass es der Neuropsychologie gelungen ist oder jemals gelingen wird, eine semantische Potenz in neurologischen Prozessen nachzuweisen. Natürlich kann man feststellen, wann eine bestimmte Gehirnregion aktiv ist – aber was bedeutet das für den betreffenden Menschen? Und da kommen wir zum Problem: Religion hängt immer an Bedeutung,  man kann sie sogar als Deutung dessen, was die menschliche Existenz unbedingt angeht, bezeichnen: Wenn ich mir meiner Endlichkeit bewusst werde, denke ich schon über sie hinaus und frage nach dem Woher und Wohin meines Daseins. Daraus erwächst Religion. Zu solcher Deutungspraxis verschafft aber die Neuropsychologie keinen Zugang.
 
Hängt Glauben dann eher von gesellschaftlichen Strukturen und kultureller Prägung ab?

Genau. Wir sind symbolische Wesen. Deutungswesen, nach dem Sinn des Lebens fragend, dort, wo dieser Sinn, von dem wir uns normalerweise ja getragen wissen, sich entzieht. Jeder Mensch führt ein mehr oder weniger bewusstes Leben, sich zu sich selbst deutend verhaltenes Leben. Daraus entspringen Sinnfragen und wenn diese im Ausgriff auf die transzendente Dimension des Göttlichen beantwortet werden, werden Menschen religiös. Diese Menschen, die gern die Gläubigen genannt werden, glauben an den Sinn des Ganzen. Sie wissen ihn aber nicht und erheben auf ein solches Wissen auch keinen Anspruch.

Aber nicht jeder, der sich auf die Sinnfragen bewusst einlässt, tut dies auf explizit religiöse Weise. Explizit religiös ist jemand nur, wenn er sich persönlich für den Glauben an Gott als Sinn von Welt und Leben entscheidet. Da wir aber ohne den Sinnglauben ein sinnbewusstes Leben gar nicht führen könnten, sind zumindest implizit meiner Meinung nach doch alle Menschen religiös. Wir sind in unserem Wissen und Handeln alle auf Glauben angewiesen, freilich auf einen ganz unspezifischen, nicht christlich ausgelegten Glauben.

Manche Menschen werden durch Schicksalsschläge derart in ihrem Glauben erschüttert, dass sie ihn ganz verlieren, andere dagegen begreifen im „Glauben können“ ihre letzte Zuflucht und werden durch Verlust und Niederlagen im Vertrauen auf Gott bestärkt. Warum gehen wir so unterschiedlich mit solchen Erfahrungen um?

Das ist eine sehr schwierige Frage, auf die es leider keine befriedigende Antwort gibt. In der christlichen Auslegung des Glaubens, die die Theologie vollzieht, wird die Auffassung vertreten, dass der Glaube eben nicht unser eigenes Werk ist, sondern von dem Gott, auf den er sich richtet, hervorgerufen wird. Damit rationalisiert die Theologie den Glauben aber und wirft weitere Fragen auf. Wenn wir die beantworten könnten, kämen wir zu einem Wissen, nicht zum Glauben. Das führt uns zum Fundamentalismus. Echtes Glauben ist kein Wissen, sondern ein grundloses Grundvertrauen.

Zur Person:

Wilhelm Gräb, Jahrgang 1948, ist evangelischer Theologe und arbeitete zunächst als  Pfarrer und Studentenpfarrer in Göttingen. Seit 1999 ist Direktor am Institut für Religionssoziologie und Gemeindeaufbau an der Humboldt-Universität zu Berlin und hat einen Lehrstuhl für Praktische Theologie inne. Seit 2001 ist er außerdem Universitätsprediger der Berliner Hochschulen.

Glaube 2014

Laut der neuesten Statistik der Deutschen Bischofskonferenz sind es im Jahr 2014 insgesamt 24,2 Millionen Menschen in Deutschland Mitglied der katholischen Kirche, im Jahr 2013 waren es 24,3 Millionen. Das entspricht etwa 30 Prozent der Bevölkerung. 23,4 Millionen Deutsche sind evangelisch, das dritte Drittel ist andersgläubig oder konfessionslos. In den 27 katholischen Diözesen arbeiten 14490 Welt- und Ordenspriester (2013). Zum Vergleich: 1995 waren es noch 18663. 1809 katholische Pfarrer in Deutschland stammten 2013 aus dem Ausland, die meisten aus Indien und Polen. Unterstützt werden die Priester von 1207 haupt- und 2663 nebenberuflichen Diakonen,  4470 Gemeindereferent/innen und 3140 Pastoralreferent/innen (2013). Rund       165 000 Menschen wurden 2013 in Deutschland katholisch getauft (bei über 600 000 Geburten), darunter 2808 Erwachsene. 10,8 Prozent der deutschen Katholiken besucht regelmäßig eine Sonntagsmesse. (Quelle: Deutsche Bischofskonferenz)

Dieser Text erschien am 25.08 2014 auf stadtgottes.de.
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