„Pfarrei im Porträt“

Die neue Sonderbeilage der Mainzer Kirchenzeitung ist online. Viel Spaß beim Schmökern!

Das Seniorenstift St. Martin in Bingen bringt die Generationen zusammen



Nein, von außen ist es keine Schönheit, das Senioren-Stift St. Martin in Bingen. Aber drinnen! Da ist es ein Ort der Herzlichkeit, ein Treffpunkt für alle Generationen. Mitten in der Stadt.

Erster Eindruck: ein grauer Kasten mit sechs Etagen. Das blickfangende Logo auf der Eingangstür: ein heiliger Martin, der vom Pferd abgestiegen ist und seinen Mantel nicht im Vorbeiritt überreicht, sondern auf Augenhöhe. Der Ausblick aus den Speisesälen: Kurhotel-Flair durch Rheinpanorama. Wer ein und ausgeht: Menschen aller Generationen und vieler Nationalitäten. Im Stift ist immer was los. Da treffen sich Menschen aus der ganzen Stadt zum Mittagessen, Flüchtlinge veranstalten internationale Kochkurse, Musikschüler geben regelmäßig Kaffeekonzerte.
Haus-Leiter Wolfgang Siebner und seine Mitarbeiter haben die Chancen erkannt, die der Standort eines Seniorenheims mitten im Zentrum einer Stadt bietet. Darum haben sie das Seniorenstift in den vergangenen Jahren Stück für Stück zu einem Ort gemacht, der die Bürger Bingens neugierig macht. An dem sie sich einbringen, aber auch etwas für sich mitnehmen können: Beim offenen Mittagstisch etwa, bei dem alle, die kommen wollen, zu einem fairen Preis ein Essen in freundschaftlicher Atmosphäre genießen können. Beim Flüchtlingstreff, der im Stift ein Zuhause fand. Bei Lesungen, bei der Nähwerkstatt, beim Männerstammtisch... Das vier Jahre junge Projekt „Treff im Stift – Zentrum der Generationen und Kulturen“ ist genau zu dem geworden, was der Name verspricht. Oder, wie Wolfgang Siebner lachend feststellt: „Außen grau, innen wow“.

„Wir verstehen uns als Ort der Pfarrgemeinde.“
Stiftleiter Wolfgang Siebner


106 Bewohnerinnen und Bewohner sowie 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat das Seniorenheim, das seit 1975 besteht. Vor zehn Jahren nahm Siebner, der neben seiner Tätigkeit als Hausleiter auch ständiger Diakon der Pfarrei St. Martin ist, seine Arbeit im Stift auf. „Wir verstehen uns als Ort der Pfarrgemeinde“, sagt er. Neben dem Pfarrgemeinderat gibt es viele weitere Gruppen der Kirchengemeinde, die sich im Stift einbringen und es zu dem machen, was es inzwischen ist.

Gemeinsam erzählen und musizieren


Aber nicht nur beim „Treff im Stift“ im Erdgeschoss wird den Bewohnern des Hauses etwas geboten. „Gut Leben im Alter, so heißt das Motto unserer Arbeit im ganzen Haus“, erklärt Siebner. Ein Besuch in der Tagesbetreuung auf der vierten Etage, wo sich gerade acht Seniorinnen und Senioren eingefunden haben: Einige von ihnen sitzen in Rollstühlen, manche wirken zurückgezogen, andere unterhalten sich angeregt. Demenzbetreuerin Angelika Schweitzer und Louisa Thiesen vom Ehrenamtsteam begrüßen ihre Gäste. So herzlich, wie die beiden Frauen auf die Senioren zugehen, sind alle gleich gut gelaunt. In einer Kiste werden Gegenstände herumgereicht: eine alte Kamera, ein Damenhalstuch, ein Schraubenzieher. Und es werden Geschichten erzählt, die den Senioren dazu in den Sinn kommen. Dann setzt sich ein Bewohner, der früher Organist war, an ein Keyboard. Laut und melodisch singen die Senioren alte Volkslieder. Man spürt, wie glücklich die Musik sie macht.

Gemütliches Beisammensein: Demenzbetreuerin Angelika Schweitzer (stehend) in der Tagesgruppe.


Auch beim offenen Mittagstisch helfen viele Ehrenamtliche mit. Rund 30 Personen nutzen das tägliche Angebot zwischen 12 und 14 Uhr. „Besonders viele kommen sonntags nach dem Gottesdienst, da stoßen dann auch einige Bewohner mit ihren Gästen dazu“, berichtet Andrea Nichell-Karsch. Die Sozialpädagogin ist seit vier Jahren Quartiersmanagerin im Stift. Was bedeutet, dass bei ihr alle Fäden der Vernetzung und der Organisation des „Treffs im Stift“ zusammenlaufen. Sie ist Ansprechpartnerin für die vielen Bingener Gruppen und Kreise, die das  Seniorenheim inzwischen zu ihrem Treffpunkt gemacht haben. Sie koordiniert Literatur- und Kunstevents, die Besuche der Jugendmusikschule, die Ehrenamtsbörse. Gerade plant sie ein Internetcafé. Die Idee: Schüler und Studenten sollen Senioren an das Internet heranführen, vielleicht auch mithilfe von anderen Senioren, die bereits Internetkenntnisse haben. „So bringen wir Jung und Alt zusammen bei einem Thema, das beide interessiert“, so Nichell Karsch. So viele Projekte, so viele Menschen, wie behält sie da den Überblick? „Es hat schon was vom Jonglieren“, sagt Nichell-Karsch schmunzelnd. „Aber diese Arbeit ist ein tolles Experimentierfeld. Die vielen Ehrenamtlichen und Gruppen aus Pfarrei und Stadt bringen ihre Ideen, wir haben die Logistik und die Räume dafür und schauen zusammen, was wir umsetzen können. Das bereichert uns ungemein.“ Ihr nächstes Ziel: Vom „Treff im Stift“ aus eine Nachbarschaftshilfe aufbauen, damit die Arbeit weiter Kreise zieht. Die Weichen haben sie schon gestellt.



„Zur Sache“


„Treff im Stift“ für alle Generationen eingerichtet


Neben dem neu gestalteten Speise- und Gemeinschaftsraum gibt es nun das Quartiersbüro, das ehrenamtliche Helfer und Veranstalter als Besprechungsraum nutzen können und wo ihnen PCs und Laptops zur Verfügung stehen. Im großen  Gemeinschaftsraum wurde eine Kinderecke eingerichtet, außerdem eine Küche mit unterfahrbarem Herd. So können auch Besucher, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, bei Koch-Aktionen mitmachen. Die Umbaumaßnahmen sowie die Einrichtung des Quartiersbüros wurden unter anderem durch Förderprogramme aus Bundesmitteln und durch den Träger des Hauses, die Carl Puricelli'sche Stiftung „Sophienhaus“ verwirklicht.

 

Dieser Text erschien am 21. August 2016 in der Sonderausgabe "Pfarrei im Porträt"  in der Mainzer Bistumszeitung "Glaube und Leben"  zur Gemeinde St. Martin in Bingen.

 

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