„Pfarrei im Porträt“

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Seit 350 Jahren halten die Binger Katholiken ihre Rochuswallfahrt

„Christen, lasst uns Rochus ehren, diesen großen Gottesmann, in dem Christi Tun und Lehren wieder neu Gestalt gewann“, so schallt es durch die Weinberge, wenn in Bingen am Rhein die Rochuswallfahrt begangen wird. Für Reiner Lotz  ist sie spirituelle Nahrung und ein Fest, das Menschen aus der ganzen Region zusammenführt. Bereits als Kind ging er bei der Prozession mit, heute engagiert er sich in der Rochusbruderschaft für die Pflege der Tradition.

Schon in den Tagen bevor er zur großen Eröffnungsprozession das Gewand der Rochusbruderschaft anlegt und seine Jakobsmuschel ansteckt, steht für Reiner Lotz (65) alles im Zeichen der Wallfahrt. Da verbringt der Geschäftsführer eines Elektronik-Fachgeschäfts aus Bingen jede freie Minute auf dem Rochusberg, der mit seiner prachtvollen Kapelle malerisch über der kleinen Stadt liegt. Es gilt, das große Rochusfest vorzubereiten, zu dem innerhalb einer Woche rund 6000 Menschen Stadt und Kapelle besuchen. In diesem Jahr, wenn sich die Wallfahrt zum 350. Mal jährt, werden es wohl noch einige mehr sein.

„Die Wallfahrt hat mit den Jahren meine Neugierde am Glauben geweckt“, sagt Reiner Lotz. Auf der Prozession durch die sommerlichen Straßen der Stadt hinauf auf den Rochusberg, inmitten der großen Familie der Gläubigen, die miteinander beten und singen, da hat er diese Momente, in denen er die Gedanken schweifen lassen kann: „Was bedeutet mir mein Glaube, wie tief geht er?“ Die Atmosphäre der Wallfahrt hilft ihm, innezuhalten, auf das Leben zu blicken, aber auch, das Christsein zu genießen und Dank zu empfinden.

Panoramaweg über dem Rhein

Der 16. August ist der Gedenktag des heiligen Rochus, dem die Wallfahrt geweiht ist (siehe Kasten). An diesem Tag oder dem darauf folgenden Sonntag beginnt die Wallfahrtswoche mit der Prozession von rund vier Kilometern ab der Binger Basilika Sankt Martin zur Kapelle. Die große Rochus-Figur, die von den Maltesern getragen wird, säumen die sogenannten „Rochusjer“ - Kinder aus der Grundschule in Rochustracht. In Erinnerung an die Kleidung des Heiligen tragen sie wie auch die Mitglieder der Rochusbruderschaft schwarze Gewänder und eine Jakobsmuschel als Pilgerzeichen um den Hals. In den Händen halten sie Pilgerstäbe, die mit Weinlaub geschmückt sind. Reiner Lotz ist als Kind selbst „Rochusjer“ gewesen. „Damals war es noch üblich, dass die Weinreben Trauben trugen. Es war uns Kindern streng verboten, davon zu naschen, bis die Prozession auf dem Rochusberg endete – das hat aber natürlich nie geklappt“, sagt er schmunzelnd. Jedes Jahr freut er sich auf das Hochamt, dass am Ende der Prozession rund 1000 Gläubige gemeinsam unter freiem Himmel vor der Kapelle feiern. „Wenn wir am Ende alle gemeinsam das große Te Deum singen, das ist das Ergreifendste“, sagt Lotz, „da können Sie die Tränen nicht mehr halten.“

 

 

Katharina und Reiner Lotz mit ihrer privaten Rochusstatue.

 

 

Seit vierzehn Jahren gehören er und seine Frau Katharina zur Binger Rochusbruderschaft. Der Verein, gegründet 1754 zur Unterstützung sozial benachteiligte Familien, kümmerte sich schon immer um die Pflege der Wallfahrtstradition. An die Eröffnungsprozession schließt sich eine große Festwoche mit Pilgergruppen aus der ganzen Region, Meditationen, Kreuzwegen und Lichterprozessionen an. Ein Oktavprediger gibt in den täglichen Messen Impulse für das Glaubensleben, am Ende steht ein Festamt.

Bruderschaft wiederbelebt

 In den 1970er-Jahren  stellte die Bruderschaft ihre Arbeit  mangels Mitgliedern ein, konnte aber 2002 von Pater Josef Krasenbrink, dem damaligen Rektor der Rochuskapelle, wiederbelebt werden. Damals wurde sie auch ökumenisch und öffnete sich für Frauen. „Wir nennen uns heute lieber Geschwister anstatt Bruderschaft“, so Lotz. Der Vorstand, genannt „Rat der 12“um Brudermeister Johannes Häußling, wird ergänzt durch den äußeren Kreis von derzeit rund 70 Mitgliedern aus Bingen und der Region. Vor 200 Jahren habe man über 700 Mitglieder gehabt, „aus dem Gebiet von Köln bis Würzburg, da wollen wir wieder hin!“, sagt Reiner Lotz. Schon Goethe berichtete auf seinen Reisen an den Mittelrhein von der bekannten Wallfahrt. „Wer in die Stadt hineinfährt, der sieht als erstes unseren Rochuskapelle“, sagt Reiner Lotz, „für mich ist sie das Kulturgut Bingens.“

Die Bruderschaft trifft sich nicht nur zur Wallfahrt: Monatlich sieht man sich zum Stammtisch, im März zur Mitgliederversammlung mit Exerzitien. „Wir wollen durch die Wallfahrt und die Bruderschaft unseren Glauben sichtbar machen“, sagt Reiner Lotz.
Gemeinsam organisieren die Rochusgeschwister auch die „Rochi-Kerb“ an Pfingsten, bauen an jedem Adventssonntag ein neues Krippenbild mit fast lebensgroßen Figuren, die Bruderschaftsmitglied Franz Kellermeier einst selbst schnitzte. Eine solche Figur, die allerdings den heiligen Rochus zeigt, steht auch an prominenter Stelle in Lotz' Wohnzimmer. Für das Ehepaar Lotz ist er mehr als ein Pestheiliger aus dem 14. Jahrhundert. Er ist ihnen Symbol der Gemeinschaft ihres Glaubens, die in der Wallfahrt deutlich wird.



Info

Wallfahrt zu Ehren des Pestheiligen

Im Jahr 1666 wütete die Pest in Bingen. Einige hundert Bürger fielen ihr zum Opfer, die Menschen lebten in Panik vor dem drohenden Tod. So überzeugte der damalige Amtmann Frey von Dehren die Bürger zu einem Gelöbnis, das die Pest von Bingen abwenden sollte. Auf einem nahen Hügel, dem heutigen Rochusberg, errichtete man eine Kapelle, wohin seither die jährliche Wallfahrt führt. Rochus hatte selbst auf einer Pilgerfahrt durch Italien im 14. Jahrhundert Pestkranke gepflegt und war schließlich selbst an der Seuche erkrankt. Der Legende nach heilte ihn ein Engel in einer abgelegenen Hütte, ein Hund versorgte ihn mit Brot, sodass er überlebte. Bis heute wird der Heilige mit einem kleinen Hund dargestellt, der einen Brotlaib in der Schnauze trägt.
Dreimal wurde die Kapelle auf dem Binger Rochusberg im Laufe der Jahrhunderte durch Kriege und Unwetter zerstört, dreimal wieder aufgebaut. Die letzte Weihe erfolgte im Jahr 1895. Zwar findet die eigentliche Wallfahrt Mitte August statt, die Rochuskapelle ist aber das ganze Jahr über geöffnet, regelmäßig gibt es Pilgermessen und Führungen. Die große Jubiläumswallfahrt findet in diesem jahr vom 21. bis 28. August statt. Mehr Informationen unter www.rochusfest.de und www.bingen.de

 

Dieser Text erschien am 21. August 2016 in der Sonderausgabe "Pfarrei im Porträt" zur Gemeinde St. Martin in Bingen in der Mainzer Kirchenzeitung "Glaube und Leben"

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