„Pfarrei im Porträt“

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Katholische Jugendarbeit in Hechtsheim ist beispielhaft – und muss dennoch Herausforderungen meistern

Jeden Sonntag mehr als 20 Messdiener am Altar, riesige Zeltlager mit bis zu 130 jungen Leuten und wöchentliche Gruppenstunden – das und vieles mehr ist die katholische Jugendarbeit in Hechtsheim. Wie machen die das bloß, dass so viele Kinder bei der Stange bleiben? Auf dem „Rezept“ der Hechtsheimer Gruppenleiter stehen unter anderem eine gewisse Disziplin, viel persönliche Bindung und tolle gemeinsame Aktionen.

Wer die Hechtsheimer Pfarrkirche besichtigt, dem fällt es sofort ins Auge: Im Chorraum stehen neben dem Stuhl des Pfarrers nicht nur drei oder vier Stühle für die Messdiener, sondern auch noch in zweiter und dritter Reihe dahinter – und sogar auf der gegenüberliegenden Seite. Denn in Hechtsheim gibt es vergleichsweise Massen von Ministranten. Rund 100 sind in der Kartei der Pfarrei, mindestens zwei Drittel von ihnen versehen regelmäßig den Dienst am Altar. Oft, so Pfarrer Michael Bartmann stolz, sind es fast dreißig Messdiener, die am Sonntagmorgen mit ihm zur Messe einziehen. „Und wenn an Weihnachten alle 100 dabei sind, dann kommen die ersten schon vorn an und ich stehe immer noch hinten in der Tür!“ Während andernorts Erwachsene den Ministrantendienst übernehmen, weil einfach keine Kinder und Jugendlichen mehr in der Messdienerarbeit nachkommen, scheint die Tradition in Hechtsheim ungebrochen. In vielen Familien waren schon die Eltern Messdiener in der Pankratiuskirche. Oder sie haben anderswo gute Erfahrungen mit katholischer Jugendarbeit gemacht und wollen, dass ihre Kinder das auch mitnehmen.

Gewachsene Strukturen

So war es auch bei Laura Hölz. Ihr Vater war bereits Messdiener in seiner Heimatpfarrei in der Pfalz, da sei es für die Eltern „irgendwie klar“ gewesen, dass Laura und ihr jüngerer Bruder in Hechtsheim mal reinschnupperten. Seit Laura Hölz 2004 in St. Pankratius zur Erstkommunion ging, ist die katholische Jugendarbeit aus ihrem Leben nun nicht mehr wegzudenken. Das hat auch damit zu tun, dass die Pfarrei bei den Kindern von Anfang an „am Ball“ bleibt, Angebote schafft und gewachsene Strukturen für die Arbeit mit Jugendlichen hat. „Nach der Erstkommunion haben die Kinder die Möglichkeit, wöchentlich entweder in eine Spielgruppe oder in die Messdienergruppe zu kommen“, berichtet Hölz. Rund die Hälfte der Kommunionkinder eines Jahrgangs nimmt das Angebot an. Von ihnen bleiben zwar nicht alle dabei, „nach der Firmung haben wir aber immer nochmal einen guten Zulauf“, so Hölz. Und oft werden aus der anfänglichen Spiele- oder Messdienerrunde später echte Freundeskreise junger Erwachsener. Bis 2013 hat sich die Gruppe von Laura Hölz noch regelmäßig getroffen, auch heute hat sie noch zu vielen guten Kontakt.

Seit 2011 ist die 22-Jährige außerdem selbst Gruppenleiterin. Vielleicht ist auch dies eines der Erfolgsgeheimnisse: Die Hechtsheimer Jugendarbeit gibt den älteren Jugendlichen die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, selbst mitzugestalten. Laura Hölz sagt, dass ihre Jugend untrennbar mit den Gruppenstunden und den gemeinsamen Erlebnissen verbunden ist, „ohne dass könnte ich mir meine Jugend gar nicht vorstellen.“ Auch heute, da die 22-Jährige in Gießen studiert, nimmt das Ehrenamt einen Großteil ihrer Freizeit ein. Um ihre Gruppenstundenkinder auch im Semester betreuen zu können, hat sie die Stunde auf den Freitag gelegt und gestaltet ihre Stundenpläne so, dass sie rechtzeitig in Hechtsheim ist. Im aktiven Messdienerdienst ist sie ebenfalls noch und außerdem die Chefin des Eine-Welt-Ladens. Dieser ging 1988 aus der Jugendarbeit hervor, Hölz hat ihn vor vier Jahren von ihrer eigenen Gruppenleiterin übernommen. An zwei Sonntagen im Monat verkauft sie mit einem kleinen Team ihrer Gruppe nach dem Gottesdienst fair gehandelte Waren.

Das Kalenderjahr der katholischen Jugend ist gut gefüllt mit gemeinschaftsstiftenden Aktionen, von denen einige als „legendär“ bezeichnet werden. So etwa das Zeltlager, dass in den Sommerferien angeboten wird. Rund 120 Kinder zwischen neun und 14 Jahren fahren in den ersten zehn Tagen mit, rund 130 ältere Jugendliche bis 18 Jahre in der zweiten Runde im Anschluss. Mit Lagerfeuern, gemeinsame Nachtwanderungen, Zelten und Ausflügen sind die Tage dicht gefüllt. Für Kinder, die noch nie zuvor gezeltet haben, bieten die Gruppenleiter vorab ein Probezelten an.

Entschleunigung durch Handyverbot

Strikt verboten sind im Zeltlager Handys und andere elektronische Geräte. Laura Hölz steht voll hinter dieser Regel, versucht auch in ihren Gruppenstunden die Nutzung von Smartphones und Handys einzudämmen. Es scheint zu den Herausforderungen zu gehören von Menschen, die im 21. Jahrhundert Jugendgruppen leiten. Oft seien bei der Vorbereitung des Zeltlagers eher die Väter oder Mütter uneinsichtig als ihre Kinder. „Da kommen Eltern zu uns, die sagen: 'Mein Kind darf aber nicht ohne Handy aus dem Haus!'“, erzählt Hölz, „ich erkläre dann, dass wir als Gruppenleiter jederzeit unserer Aufsichtspflicht nachkommen und außerdem natürlich selbst für den Notfall mit Handys ausgestattet sind.“ Ansonsten, sagt sie, bleibt auch ihr mobiles Telefon ausgeschaltet: „Es ist einfach eine ganz andere Atmosphäre, wenn keiner ein Smartphone dabei hat. Die allermeisten Kinder und Jugendlichen halten sich an die Regel. Auch, wenn Laura Hölz von ihren eigenen Gruppenkindern als „uncool“ belächelt wurde, weil sie sich erst mit 18 ein Smartphone zulegte - „nach der Zeit ohne Handy spüren viele, dass es auch so ganz gut geht.“

Das ist freilich nicht die einzige Herausforderung, der sich die Hechtsheimer Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter ausgesetzt sehen. Denn auch wenn noch viele Messdiener in der Kartei sind – selbst in Hechtsheim geht die Anzahl der engagierten Jugendlichen zurück. „ich denke, dass es zum einen daran liegt, dass die Kinder heute so zugebombt werden mit unterschiedlichen Hobbys. Bei uns war es völlig undenkbar, andere Termine auf den Mittwoch zu legen, weil da natürlich Gruppenstunde war“, so Hölz. Ein weitere Grund sei, „dass es in Hechtsheim in den letzten Jahren kein Neubaugebiet gegeben hat.“ Wenn es keinen attraktiven Wohnraum für junge Familien gäbe, „dann spüren auch wir das bei unserer Arbeit.“ Keiner da, der seine Kinder schicken könnte. Frustrierend findet Laura Hölz die zunehmende Unzuverlässigkeit, die sie in den Gruppen bemerkt. „Sonntags sind immer viele Messdiener da, das stimmt. Aber der Samstag Abend ist immer schwieriger zu besetzen. Ich stand sogar schon mal allein mit dem Pfarrer am Altar.“ Es gebe Phasen, wo sie „sehr enttäuscht“ sei. „Denn eigentlich macht es uns als katholische Jugend von Hechtsheim doch aus, dass wir so einen guten Draht zueinander haben, die Dinge gemeinsam anpacken.“ Für Menschen wie Laura Hölz, die viel von ihrer Freizeit in die Jugendarbeit investieren, mit ganzem Herzen dahinterstehen und über die Gruppenstunde auch ihren Platz in der Pfarrgemeinde gefunden haben, ist das manchmal bitter.

Aber dann gibt es doch wieder so vieles, das den gelegentlichen Frust bei Weitem aufwiegt. Das gute Gemeinschaftsgefühl, dass sich nur im Zeltlager entwickelt. Die Fotoabende im Herbst, wenn denen man das gemeinsame Zelten nochmal Revue passieren lässt. Der alljährliche Besuch aller Gruppen im Frankfurter Rebstockbad im Frühling. Der Dreck-Weg-Tag, an dem mit vereinten Kräften das Jugendheim geputzt und der Garten gepflegt wird. Die „Grabwache“ am Karfreitag, wenn die Messdiener sich zu einer besinnlichen Einheit in St. Pankratius treffen und dann zusammen einen Kreuzweg gehen. Die Plätzchenback-Aktionen vor Weihnachten. Gemeinsam erlebte Katholikentage, Ministrantenwallfahrten und -fußballturniere. Und natürlich der Dienst am Altar. Über 50 Gruppenleiter sind laut der Homepage der Pfarrei in 36 Gruppenstunden pro Woche für rund 300 Kinder da. Eine Arbeit, die eine persönliche Beziehung schafft zwischen Jugendlichen und Kirche. Das entsteht über Menschen wie Laura Hölz. Eines der schönsten Komplimente bekam sie von ihren Gruppenkindern, als sie einmal einige von ihnen im Winter nach der Gruppenstunde nach Hause fuhr. „Das sagte eine von ihnen: 'Du kümmerst dich so gut um uns, du bist wie eine große Schwester für uns!'“ Laura Hölz hofft, dass ihr und den anderen Gruppenleitern viele nachfolgen. Jugendliche die auch gern Verantwortung übernehmen, sich einbringen und dabei spüren, wie viel Gemeinschaft und Glaube bewirken können.

Dieser Artikel erschien am 30. Oktober im neuen Sonderheft "Pfarrei im Porträt" der Mainzer Kirchenzeitung "Glaube und Leben". Das komplette Heft ist demnächst auf dieser Webseite zu sehen.

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